Das scharfe ẞ als Großbuchstabe

Das scharfe ẞ als Groẞbuchstabe

Seit dem 29. Juni 2017 ist das ẞ Bestandteil der deutschen Rechtschreibung [1]. Unser Autor begrüßt diese Entscheidung, hatte er doch, wie einige andere Schriftgestalter, bereits vorher ein Versal-Scharf-Es in seine Schriftentwürfe integriert. Nun, da die Figur offiziell ins Alphabet aufgenommen wurde, stellt sich erneut die Frage: Wie sollte ein großes scharfes S gestaltet sein? Ein Kommentar von Prof. Hans R. Heitmann.

Historische Betrachtung SS oder SZ?

Viele Gestalterïnnen gehen davon aus, dass die Ligatur scharfes ß ausschließlich aus langem s und z zusammengesetzt ist (Sulzbacher Form) und richten ihre Entwürfe für das ẞ entsprechend daran aus. Die Frage, ob das scharfe ß historisch aus s und z, aus langem und rundem s oder auch aus anderen Kombinationen entstanden ist, lässt sich meiner Ansicht nach jedoch nicht abschließend beantworten. Im 7. Jhd. existierten bereits diverse Kombinationen. Man findet zu diesem Thema viele umfangreiche Untersuchungen – unter anderem die Ausführungen von Georg Salden [2] oder von Max Bollwage und Herbert Brekle.

Ich persönlich bezweifle, dass das ß in gebrochenen Schriften (ab dem 15. Jhd.) ausschließlich aus der Ligatur sz entstanden ist. Meine Untersuchungen im Theuerdank von 1517 unterstützen diese These und zeigen vier verschiedene s-Formen. (vgl. Abb. 3) Mit meinen Untersuchungen komme ich bisher ähnlich wie Jan Tschichold zu der Annahme, dass sowohl in Antiqua- als auch in gebrochenen Schriften das scharfe ß ab dem 16. Jhd. die Ligatur aus langem und rundem s darstellt.

Abb. 3: Beispiele aus dem Theuerdank 1517. Sowohl ſz als auch ſs wurde eingesetzt.
Abb. 4: Visuelles Missverständnis: Bei den frühen Frakturformen gab es eine Veränderung der s-Glyphe: Der linke senkrechte Schaft schließt die Form, sodass sie von einer heute gewohnten s-Form gravierend abweicht. Im Theuerdank (1517) ist das lange ſ noch nicht ligativ mit dem s verbunden. Überdeckt jedoch das lange ſ den linken Schaft des normalen s, entsteht visuell ein »Eszett«, da die rechte Hälfte des s einer z-Glyphe ähnelt.

Die Ligatur aus s und z könnte nach meiner Ansicht auch ein »visuelles Missverständnis« sein (vgl. Abb. 4). Beide Versionen sind in einem Text zu finden (z. B. Theuerdank). Somit könnte man in den vergangenen 500 Jahren nach einer Lösung suchen – einerseits ein eventuell unergiebiges Unterfangen, andererseits führt das möglicherweise zu einem Ergebnis, das den Anforderungen im 21. Jhd. nicht gerecht wird.

Schmutztitel, Der große Duden, 15. Auflage
Abb. 5: »DER GROẞE DUDEN«, Hrsg: Horst Klien aus den 1960er‑Jahren

Viel relevanter als die abschließende Klärung der Herkunft der Ligatur wäre meiner Ansicht nach die Entwicklung einer funktionierenden Form für diesen neuen Großbuchstaben, mit dem Fokus auf Leserinnen und Leser des 21. Jahrhunderts.

ẞ ALS GROẞBUCHSTABE IM 21. Jhd.

Wenn wir die Gewohnheiten der Rezipientïn in den Mittelpunkt stellen, und eine verantwortungsvolle Gestaltung für die Nutzung im 21. Jhd. gewährleisten wollen, ist eine Formherleitung aus der Version mit langem ſ und rundem s eindeutig zu bevorzugen. Nicht zuletzt im Hinblick auf Internationalität überzeugen die Formen, die eine deutliche s-Form beinhalten.

FORMMAẞSTAB zum Versal‑Scharf‑S.

Für die Entwicklung dieses neuen Großbuchstabens und dessen stilistische Integration in unser bestehendes Großbuchstabenalphabet sind aus meiner Sicht primär fünf Attribute wichtig:

  1. monumentales (versales) Aussehen
  2. eindeutiger Unterschied zu den anderen Glyphen im Alphabet, aber auch stilistischer Zusammenhang
  3. Ähnlichkeit mit der Form des gemeinen ß in Antiquaschriften
  4. Aufgreifen der normalen s-Form (zur besseren Identifizierbarkeit)
  5. Behandlung des linken Schafts als abstraktes Element (da der Bekanntheitsgrad des langen ſ immer mehr abnimmt)

ẞ im alphabetischen Kontext

Wenn man die Grundstruktur der Capitalis Monumentalis betrachtet, die den Ursprung unserer heutigen Großbuchstaben darstellt, so wird offensichtlich, dass die römischen Buchstaben einerseits klar voneinander zu unterscheiden sind, gleichzeitig aber auch einen stilistischen Zusammenhang zeigen. Das macht ihre Qualität aus und begründet ihren über 2000 Jahre währenden Gebrauch.

Kommt eine weitere Figur dazu, muss sich diese von allen anderen unterscheiden. Beim großen Scharf-S spielen die Lesegewohnheiten der Rezipientïnnen eine wesentliche Rolle. Eine Ähnlichkeit mit dem gemeinen ß erleichtert die Erkennbarkeit – nach diesen Gewohnheiten sollten sich Leseschrift-Gestalterïnnen richten.

Diese Figur zeigt die Integration und die klare Unterscheidung – jedoch absolut fremd (Grütze).
Diese beiden Formen, die als Kleinbuchstabe noch funktionieren und von Rezipientïnnen akzeptiert werden, sollten innerhalb der Großbuchstaben nicht verwendet werden, da sie mit dem B und der Ziffer 3 verwechselt werden.
Diese Scharf-Es Figur wäre funktional, lesbar und wurde von uns bereits positiv getestet.
Diese beiden Versionen wurden bei unseren Tests ebenfalls favorisiert.
Diese Version wurde von den Testpersonen abgelehnt. Einige sahen eine Kombination aus Versal-I und S.

¶ Mein Appell an alle Schriftgestalterïnnen:

Ignorieren Sie das z in diesem Zusammenhang (sog. Sulzbacher Form) und integrieren Sie das normale, runde, römische S in diese Figur. Nur so wird der Buchstabe als solcher erkannt und nicht mit dem B verwechselt – alles andere erschwert das Lesen. Meiner Meinung nach könnte man auch den Begriff »Eszett« in Zukunft ignorieren. »Scharfes S« ist schon bekannt und kann auch für den neuen Großbuchstaben übernommen werden.

Es gibt im Deutschen viele Wörter, die das scharfe ß beinhalten. Insbesondere bei Eigennamen spielt das Gewohnheitsprinzip heute eine bedeutende Rolle. Die Verwechslungsgefahr mit der Ziffer 3 und dem Versal B ist teilweise sehr groß – folglich ist nur die Form mit dem runden s ideal (z. B. GRUẞ). Persönliche Umfragen unterstützten dies unabhängig von historischen Herleitungen. Das Erleichtern des Lesens sollte schließlich die höchste Priorität für Kommunikationsdesignerïnnen und Typedesignerïnnen sein.

  1. Pressemitteilung 29.06.2017, Rat für deutsche Rechtschreibung
  2. Georg Salden, »Jan Tschicholds ›doppel-s‹ und die globale Gesellschaft«