Der Buchstaben­abstand

Der Buchstabenabstand — die Form zwischen den Buchstaben — trägt wesentlich zur Lesbarkeit einer Schrift bei. Die Buchstabenabstände im Wortverbund können die optische Wirkung der Figurenform erheblich beeinflussen, die ästhetische Form gar vernichten. Deswegen meine ich, dass es vor allem bei Kleinbuchstaben nur einen richtigen Abstand gibt — er ist kaum variabel.

Versalien können in der Regel luftiger gesetzt werden. Nicht nur seit dem Fotosatz schieben viele Typografïnnen die Figuren jedoch bis zur Berührung aneinander. Das sogenannte Ausgleichen, das insbesondere bei Majuskeln vorgenommen werden sollte, scheint eine unbekannte Größe zu sein — deswegen sollte die Typedesignerïn bereits ausgeglichene Versalien im Font liefern.

Kleinbuchstaben

In der Schriftgeschichte variiert die Qualität des Buchstabenabstands. Zum Beispiel steht die Fraktur von Schönsperger im Gebetbuch Maximilians nicht optimal — ganz im Gegensatz zur handgeschriebenen Vorlage von Leonhard Wagner.

Serifenlose ab dem 19. Jhd. haben eher einen ausgeprägten technischen Charakter. Der messbare wurde dem optischen Ausgleich vorgezogen. Diese achsengeometrischen Figuren wurden, soweit es der Hochdruck (Bleisatz) erlaubte, so eng wie möglich gesetzt — möglicherweise wegen Platzersparnis. Der Fotosatz im 20. Jahrhundert ermöglichte noch eine weitere Stufe der Buchstabenannäherung — bis hin zur Überlappung auf Kosten der Lesbarkeit.

In der Vergangenheit wurden Schriftproben überwiegend alphabetisch präsentiert. Dadurch könnte man zu dem Schluss kommen, dass die Raumdefinition zwischen den Buchstaben bei vielen Typedesignerïnnen nur eine untergeordnete Rolle spielt. Blindtextdarstellungen waren erst nur vereinzelt zu finden, treten heute jedoch öfter auf. Viele Schriftdesignerïnnen entwerfen primär alphabetisch — erst danach wird »zugerichtet«, also die Abstände festgelegt. Zeichnerisch (analog wie digital) sollte man die ersten drei bis fünf Buchstaben bereits bei der ersten Entwurfsskizze mit den Abstandsräumen entwickeln — und weitere Buchstaben samt Vor- und Nachbreite mitten im Wort mit Blick auf die Glyphen davor und Figuren danach zeichnen. Deshalb schätze ich persönlich die Software Glyphs, in deren »Edit-View« der Buchstabenentwurf im Kontext eines Wortes hervorragend funktioniert.

Dabei ist natürlich wesentlich, dass jeder Buchstabe — genau wie der Mensch, der ihn dann lesen soll — ein Individuum darstellt. Ein gemeines r ist kein halbes n, ein n um 180° gedreht kein u. Folglich sind Entwürfe mit Buchstabenteilen aus dem Modulregal für mich ein No‑Go.

Abb.1 — Das »Duale Volumen« bei Kleinbuchstaben

Duales Volumen

Den Raum zwischen zwei Glyphen bezeichne ich als Duales Volumen (DV) — dual daher, dass es aus der Verschmelzung der Räume zwischen zwei benachbarten Buchstaben entsteht. DV ist jedoch nicht einfach die Summe von Nach- und Vorbreite dieser beiden Buchstaben, da die Räume sich teilweise um die Buchstaben legen und folglich ein größeres Volumen haben. Das DV ist bei Buchstaben, die links oder rechts offen sind, schwieriger festzulegen, da zum Beispiel bei einem offenen C ein Teil des Binnenraumes unberührt bleiben soll — oder bei einem T eine gewisse Beinfreiheit angebracht wäre.

Abb. 2 — In diesem Fall wird das Kerning häufig übertrieben. Widersprüchlich auch deswegen, da man bei der Kombination Th die entstehende Lücke akzeptieren musste.

Ein Richtwert bei Kleinbuchstaben:
90% des n-Binnenraumes (Punze) entspricht dem DV. Das gilt meiner Meinung nach für alle Schnitte einer Schrift. Das Dogma: »Kleine Größen weit und große Größen eng« erachte ich als absurd, da in kleinen Größen die Punzen durch Gesperrt-setzen auch nicht größer werden.

In diesen Zusammenhang möchte ich eine Testaufgabe aus meiner Lehre zitieren, die ich über 25 Jahre von insgesamt über 2000 Studierenden ausführen ließ:

Aufgabe:

  1. Schriftauswahl: Je eine Serifenlose und eine Serifen-Schrift für Mengentext (die den Studierenden auf ihren Rechnern zur Verfügung stehen)
  2. Text setzen: ca. 7 Zeilen linksbündiger Flattersatz
  3. Spationierungsreihen in InDesign: Schrittweise die Laufweite erhöhen, von 0 bis +140 in 5er, 10er oder 20er Schritten.
  4. Hochauflösend ausdrucken und einen Absatz je Reihe auswählen. Die Entscheidung soll intuitiv nach ästhetischen und funktionalen Gesichtspunkten erfolgen.

Erstaunliches Ergebnis: Im Durchschnitt selektierte in einem Zeitraum von 25 Jahren die überwiegende Mehrheit der Studierenden bei der Serifen-Schrift den Absatz mit +45 Einheiten und bei der Serifenlosen den Absatz mit +55 Einheiten.

Aufgrund dieses Ergebnisses stellt sich nun die Frage, ob die Verantwortlichen Fotosatz-Fetischisten, die ihre Schriften weltweit anbieten, mit einer verantwortungslosen Oberflächlichkeit behaftet sind oder ob man von einer unreflektierten Arbeitsweise sprechen muss. Die guten Absichten der Ressourcenschonung (Papierverbrauch) werden durch Unleserlichkeit zunichte gemacht.

Versalien

Alle klassischen Großbuchstaben befinden sich nahe den römischen Figuren. Einhellige Meinungen tönen von einer zeitlosen Ästhetik — betrachtet man nun die vereinzelt meisterhaft in Stein gemeißelten Figuren, so tritt erst aufgrund der Abstände bezüglich Grauwert die Textästhetik dieser Versalien zutage.

Abb. 4 — Römische Versalien
Abb. 4 — Römische Versalien, Abstand I N
Abb. 5 — Römische Versalien
Abb. 5 — Römische Versalien, Abstand I P
Abb. 6 — Römische Versalien
Abb. 6 — Römische Versalien, Abstand I B

Ein Richtwert bei Großbuchstaben:

Da Versalien einen größeren DV-Spielraum haben, gibt es ein Minimum, das überwiegend von L, LA, T, V, und W abhängt. Die Beispiele in Abb. 7 und 8 sind ohne Laufweitenveränderung gesetzt. Kommt z. B. in einer Headline kein L, A, T, V und W vor, geht es enger. Aufeinanderfolgende senkrechte Schäfte (Abb. 9) sind fast immer zu eng zugerichtet.

Abb. 7: Zwei Serifenlose, ohne Veränderung der Laufweite (Spationierung) gesetzt. Die untere vom Autor.
Abb. 8: Zwei Serifenschriften, ohne Veränderung der Laufweite (Spationierung) gesetzt. Die untere vom Autor.
Abb. 9: Zurichtungsfehler bei senkrechten Schäften

Punze vor Geviert

Abschließend muss aufgeführt werden, dass die Typografïn in der Regel ausbessern muss, was die Typedesignerïn bzw. die Produzentïn nicht umgesetzt hat. Gelehrt wird auch in diesen Zusammenhang immer noch der Einsatz von Geviert, Halbgeviert, Viertelgeviert etc., um Abstände zu regeln — sicher nicht falsch, ob man jedoch im 21. Jahrhundert hier von Präzision sprechen kann, wenn man die festgelegten Stufen aus dem Bleisatz benutzt, wage ich zu bezweifeln.

Die Möglichkeiten des digitalen Schriftsatzes übertreffen den Bleisatz in dieser Hinsicht erheblich, setzen jedoch ausgeprägtes Schriftgefühl, Schriftwissen und wahrnehmungspsychologische Aspekte voraus, um Schriften zielgruppengerecht und ästhetisch im 21. Jahrhundert darzustellen.

»Romis« ohne Korrektur (Spationierung) gesetzt.

Fazit zum Buchstabenabstand

Die speziellen Punzen aller Kleinbuchstaben regeln die Buchstabenabstände, um eine optimale Lesbarkeit zu gewährleisten. Nichts anderes!