Abstrakte Kalligrafie

Abstrakte, freie, gestische Kalligrafie

Eines unserer Schwerpunktthemen ist die abstrakte oder freie bzw. gestische Kalligrafie. Es handelt sich hierbei um eine Spezialform des kalligrafischen Ausdrucks in Abgrenzung zur klassischen, formalen Kalligrafie, welche sich primär mit der Erzeugung von lesbaren Glyphen beschäftigt. Neben vielen weiteren Aspekten eignet sich die freie Kalligrafie hervorragend, um die optimalen Bedingungen einer menschlichen Bewegung zu erfahren und zu erlernen, bevor sie zu einer angewandten Schreibspur wird. Sprich: wann ist eine kalligrafische Bewegung von hoher Qualität? Und das unabhängig davon, ob ein Buchstabe abgebildet wird, eine Zierform oder eine formell ungebundene Form. Im Kontext der Beurteilung von visueller Qualität bei kalligrafischen und grafischen Erzeugnissen sprechen wir hier von »Formqualität«. Egal ob nun also freie oder formelle Kalligrafie betrieben wird, ein Buchstabe, eine Schrift oder ein Logo umgesetzt wird: die Grundlage für ein visuell optimales Ergebnis ist eine möglichst hohe Formqualität.

Formqualität

Was nun Formqualität ist, lässt sich textlich nur vergleichsweise umständlich darstellen, hier ein Versuch: Höchste Formqualität liegt vor, wenn einer Bewegungsspur nichts mehr hinzugefügt werden kann und man auch nichts von ihr abziehen muss. Wenn sie absolut in sich ruht und für sich als perfekt empfunden wird, wenn sie in ihrer Selbstverständlichkeit unantastbar ist, wie wir es vielleicht eher von einem Lied oder einer Bewegungsabfolge im Tanz her kennen. Eine geübte Kalligrafïn spürt es intuitiv, weil sie gelernt hat, sofort wahrzunehmen, ob ihr eine Bewegung gelungen ist oder nicht.

Für Anfängerïnnen oder Außenstehende entsteht ein Verständnis hierfür wesentlich einfacher durch Gegenüberstellen von visuellen Positiv- und Negativbeispielen. Und eben dadurch, dass man sich selbst an beurteilbaren Umsetzungen versucht und diese auf ihre Qualität hin überprüft, am besten mit einer erfahrenen Anleiterïn. Grundsätzlich kann jeder noch so beliebigen und ungeplanten Bewegung eine hohe Formqualität innewohnen. Bei Anfängerïnnenn sind es oft die spontanen und unbedachten Versuche, die am wertigsten sind. Den Faktor Zufall gilt es aber nach und nach zu eliminieren.

Welche Faktoren sind also elementar für eine möglichst hohe Formqualität im Kontext von Kalligrafie, speziell im Fall von freier Kalligrafie? Es sind sowohl äußere Bedingungen, handwerkliche Aspekte und persönliche Faktoren.

Das richtige Werkzeug

Kalligrafie ist werkzeugbasiert, das heißt: Der Art und der Qualität des verwendeten Werkzeugs kommt große Bedeutung zu. Denn die jeweiligen Werkzeuge bedingen ganz entscheidend den Charakter der jeweiligen kalligrafischen Bewegungsspur. Das zeigt sich auch darin, dass die Schreibwerkzeuge im kalligrafischen Kontext kategorisiert werden. Es gibt Breitwerkzeuge, die den sogenannten Wechselzug generieren, sprich der vertikale ist stärker als der horizontale Strich (ohne dass hierbei der Druck auf das Werkzeug variiert wird). Zu diesen Werkzeugen zählen Breitfedern, Breitpinsel, Holzgriffel, Spachteln, Parallel Pens, Automatic Pens, Schwammpinsel, und so weiter. Dann gibt es eine ganze Reihe von Spitzwerkzeugen, die durch Druckvariation den sogenannten Schwellzug erzeugen. Das heißt, dass die vertikalen Abwärtsbewegungen in der Strichstärke zunehmen. Dazu gehören Spitzfedern, Spitzpinsel und Pinselstifte. Eine Sonderform sind zudem Werkzeuge, die eine gleichbleibende Schreibspur erzeugen, den sogenannten Schnurzug.

Zum Werkzeug kommen noch der richtige Untergrund, im Normalfall Papier, und die richtige Schreibflüssigkeit und -farbe dazu. Zur verlässlichen Erzeugung von Kalligrafie mit hoher Formqualität ist es notwendig, dass der Umgang mit dem Werkzeug geübt wird und dass funktionales Werkzeug verwendet wird. Für Anfängerïnnen ist es oft einfacher, wenn Werkzeuge verwendet werden, die relativ starr und dadurch besser zu kontrollieren sind als zum Beispiel Pinsel. Hierbei kann auch viel experimentiert werden. Ein simples Stück Holz mit einer klaren Kante erzeugt oft eine hochwertigere Schreibspur als ein überteuertes Kalligrafieset aus dem Künstlerbedarfsladen. Klingt banal, aber auch auf die richtige Werkzeug- und Körperhaltung kommt es an.

Von großer Wichtigkeit sind gute äußere Bedingungen, die oftmals unterschätzt werden: Viel Platz, angenehme Temperaturen und Lichtverhältnisse und eine allgemein positive Arbeitsatmosphäre, egal ob in Gruppen oder alleine. Diese sind sehr wichtig, um konzentriert und auch ein Stück weit diszipliniert arbeiten zu können. Eine allgemeine Affinität für manuelles Arbeiten und Gestaltung ist sicher von Vorteil und eine gut ausgeprägte Auge-Hand-Koordination ist ebenfalls begrüßenswert. Ansonsten sind jedoch keine Vorqualifikationen erforderlich, um freie Kalligrafie zu betreiben. Vielleicht besteht hier für Anfängerïnnen ein kleiner Vorteil gegenüber der traditionellen formellen Kalligrafie, die sich gerne mit hoher handwerklicher Präzision präsentiert und so eine etwas höhere Hemmschwelle für den Einstieg birgt.

Neben der Erfahrung von Formqualität lassen sich viele weitere Gestaltungsgrundlagen erarbeiten und anwenden: die Gestaltung in Ordnungsstrukturen oder freier Anordnung, der Umgang mit dem Format, die Platzierung im Format, die Interaktion und Anordnungen – die Komposition – von Elementen, Spannungserzeugung, Verdichtung und Entzerrung, Rhythmus, Farbwirkung, der Einsatz von (Farb-)Kontrasten, Serie oder Einzelwerk, das Treffen einer Auswahl, Werk und Titel, die Werkpräsentation, und vieles mehr. Eine wichtige Erfahrung, die man beim freien Kalligrafieren machen kann, die auch für jegliche andere Gestaltungsdisziplin gilt: Aufgewendete Zeit ist kein Faktor für Qualität. Weder für die Ideenfindung noch für die Umsetzung.

Abstrakte Kalligrafie vs. formelle Kalligrafie

In der formellen Kalligrafie hat jede kalligrafische Bewegung eine Bedeutung, ist Teil eines etablierten funktionellen Formenkanons, wird zu einer Glyhpe, einem Satz, einem Textgefüge oder einer Zierform.
Der abstrakt-kalligrafische Strich ist, was er ist. Im Sinne Theo van Doesburgs ist er eher konkret als abstrakt. Zum Begriff der »konkreten« Malerei schreibt er: »[…] Konkrete und nicht abstrakte Malerei, denn nichts ist konkreter, wirklicher als eine Linie, eine Farbe, eine Oberfläche. Sind auf einer Leinwand etwa eine Frau, ein Baum oder eine Kuh konkrete Elemente? Nein – eine Frau, ein Baum, eine Kuh sind konkret im natürlichen Zustand, aber im Zustand der Malerei sind sie weit abstrakter, illusionistischer, unbestimmter, spekulativer als eine Linie« (van Doesburg; Holz, Geistesgeschichtliche Koordinaten).

In diesem Sinne ist die kalligrafische Bewegung eine reine Spur / Form und nur auf ihren eigenen Formgehalt beschränkt, also selbstreferenziell und nicht fremdreferenziell. Sie kann einfach sein, was sie ist, muss sich nicht verstellen oder verbiegen, sie muss nichts darstellen oder symbolisieren, sie unterliegt keinen konventionellen Kriterien wie der Strich einer Illustration, einer Zeichnung oder eines Buchstabens. Dem einzelnen Strich, der einzelnen Bewegung folgen weitere. Sie interagieren, stehen sich gegenüber, überlagern oder kreuzen sich. Manchmal entsteht dann eine komplexere Struktur, ein Gebilde.
Und ähnlich wie bei der individuellen Handschrift einer Person können auch diese kalligrafischen Strukturen und Gebilde meist eindeutig ihrem Autor zugeordnet werden.